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»keine Sprache zu haben«

Nach der Schilderung der Tankstelle beschreibt der Erzähler, unter welchen Umständen er Deutsch gelernt hat, wie sich der Lernprozess angefühlt hat.

Relativpronomen. Ein Land, dessen Sprache man versteht, ist nicht zwingend mehr dein Land, es ist aber weniger relativ.

Herkunft, 135

Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben.

Herkunft, 138

Der Autor Stanišić hat schon auf 2006 auf seinem Blog darüber nachgedacht, wie er zur Verwendung der deutschen Sprache übergegangen ist:

Und heute bin ich einen Tag des Lebens mehr in Deutschland, als in Bosnien. Was hat das zu sagen? Was auch immer, anscheinend sage ich es auf Deutsch.

Der Blog ist nicht mehr direkt zugänglich, Zitat hier und hier.
(Wer rechnen will: Stanišić hat Jahrgang 1978 und kam im August 1992 nach Deutschland, Herkunft S. 132)

Die Frage: Kennen Sie das Gefühl, für etwas »keine Sprache« zu haben? Würden Sie diese Erfahrung – wenn Sie sie kennen – mit derjenigen des Erzählers vergleichen?

Ich denke gerne nach.

10 Kommentare

  • Vladimir Lepak

    Ich denke, dass diese Situation, kein deutsch zu können, ihn sehr geprägt hat. Obwohl er kein deutsch konnte, war für ihn Deutschland meiner Meinung nach schon ein bisschen seit dem Anfang ein Heimatland, da er auf die Frage des Geographielehrers was die Hauptstadt seines Heimatlandes ist, auch mit Berlin geantwortet hat. Für ihn muss nicht Heimatland sein, wo er geboren war und die Sprache kennt, mehr aber wo er sich sicher fühlt und seine Familie dabei hat. Aber wenn man dann Teil seines Lebens in Deutschland verbringt und auch die Sprache kennt, fühlt man sich viel mehr und natürlicher „in Deutschland zu sein“. Die Erfahrung mit keine Sprache zu haben kenne ich auch ähnlich wie der Autor, da ich auch kein Deutsch konnte und dies lernen müsste. Wenn man die Mühe hat etwas zu verstehen oder antworten ist Kommunikation ein sehr grosses Problem. Die Sprache hat auch sehr wichtige Bedeutung in einem neuen Land, ohne sie kann man auch fast gar nichts machen. So konnte der Autor am Anfang in Deutschland zurückgezogen sein, Angst haben aber auch später wie er geschrieben hat, sich für seine Eltern schämen müssen, da sie nicht nach paar Jahren so gute Deutschkenntnisse hatten.

  • Saphir

    Keine Sprache für etwas zu haben kann man auf viele Aspekte beziehen. Die Sprache ist für uns als Menschen sehr wichtig um sich auszudrücken, um sich zu verstehen. Wenn man nicht dieselbe Sprache beherrscht wie sein gegenüber kann es schnell zu Missverständnissen kommen. Auch wenn man nicht nicht kommunizieren kann ist es schwer für einen ausländischen Menschen sich wirklich wohl zu fühlen ohne die Sprache zu beherrschen. Es geht viel mehr als nur um sich zu verständigen. Ich denke, dass man auch Teil der Gesellschaft sein will, darum ist Integration auch sehr wichtig. Auf mich bezogen, ist es so, dass wenn ich zu starke Gefühle habe, egal ob positiv oder negativ, nicht in der Lage bin mich auszudrücken wie ich das gerne machen würde. Ein anderes Beispiel ist auch, dass es mir oftmals auch schwerfällt in einem anderen Land mich zu verständigen. Auf den Autor bezogen kann ich mich nicht ganz damit identifizieren, da ich dieses Gefühl nicht kenne in ein fremdes Land zu ziehen und die ganze Sprache zu lernen.
    Es geht nicht nur um die Sprache sondern auch das Denken und die Mentalität anderer Menschen in einem anderen Land. Was sicher ist, es braucht Zeit. Man muss Geduld haben die Sprache zu lernen, sei es bei Gefühlen oder auch wie bei Stanisic eine die deutsche Sprache.
    „Und heute bin ich einen Tag des Lebens mehr in Deutschland, als in Bosnien. Was hat das zu sagen? Was auch immer, anscheinend sage ich es auf Deutsch.“ Dieses Zitat verstehe ich so, dass es schwer ist mehrere Jahre Sprachen perfekt zu beherrschen, obwohl Stanisic seine Wurzeln in Bosnien hat, hat er sich so fest in Deutschland integriert, dass er merkt ich gehöre auch „dazu“.
    Wenn man eine Sprache immer weniger spricht, dann verliert man sie auch und ich denke das will er damit sagen.

  • Tamara

    Klar, es gibt viele negative Aspekte wenn man die Sprache eines fremden Landes nicht beherrscht. Die Nachbarn kann man keinen Kaffee anbieten, da man keine lange Konversation aushalten kann, an der Kasse könnte die Kassiererin sich aufregen weil man nicht verstanden hat, dass man es neu mit der Kreditkarte versuchen soll, bevor am Zahnarzt angerufen wird, muss man aufschreiben, was man überhaupt sagen wird… Im Alltag kann es schnell zu solchen frustrierenden Momenten kommen, man fühlt sich oft unwohl und falsch am Platz. Einer Gruppe, eine Gesellschaft zu gehören, ist eine der Menschlichen Grundbedürfnisse, und dies nicht zu haben, kann einem sehr beschäftigen. Man erlebt die Welt ganz anders, und man nimmt sich selbst anders wahr. Aber es gehört zum Verlassen seines Heimatlandes, und obwohl es viele Nachteile hat, lernt man die Welt anders zu betrachten. Man gewinnt eine gewisse Offenheit und man lernt, sich in unserer neuen Welt anzupassen. Das Wichtigste ist einfach vorwärts zu kommen und das machen, was gemacht werden muss, ohne zurück zu blicken. (TD)

  • Raffaela

    Ich denke “keine Sprache” zu haben ist etwas vom Mühsamsten überhaupt. Unser ganzer Alltag, unser Leben, besteht aus Kommunikation oder baut darauf auf. Wir kommunizieren auf verschiedenen Wegen, verschiedenen Sprachen, versuchen uns auszudrücken… Die Vorstellung, dass man nicht genau sagen kann was man will, vom Kommunikationspartner nicht richtig verstanden zu werden und ihn selbst ebenfalls nicht korrekt verstehen kann, ist wahnsinnig. Der Autor beschreibt das Erlernen der deutschen Sprache sehr speziell, er drückt aber keine Gefühle aus. Ich kann nicht sagen, ob er traurig war am Anfang, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen.

  • Hermi

    Die Sprache ist das Fundament unserer Kommunikation. Sie ist der Schlüssel zur Intergration und zum sozialen Umfeld. Sich in einer Sprache nicht so ausdrücken zu können wie man gern möchte ist sehr bedrückend. Es nagt an dir selbst, nicht im besonders schlimmen Sinne, jedoch kann es äussert nervig werden. Sich in einem neuen Land die Sprache möglichst schnell anzueignen ist ein wichtiger Schritt um sich in die Gesellschaft eingliedern zu können. Wer die Sprache nicht beherrscht und sich nicht verständigen kann, spielt mit dem Risiko den Anschluss zu verpassen und ausgegrenzt zu werden. Ist man im Besitz mehrer Sprache wie Stanšić sollte man sich derjenigen bedienen, mit welcher man sich am wohlsten fühlt. Stanišić hat einen Grossteil seinen Lebens in Deutschland verbracht, darunter auch einen sehr wichtigen Abschnitt in seiner Pubertät. Da diese Zeit sehr prägend ist, ist es wohl verständlich dass Stanišić sich vielleicht ab einem gewissen Punkt mit der deutschen Sprache sicherer fühlt. Die Sprache ist meiner Meinung nach ein Spiegelbild der Person seiner selbst. Es ist das stärkste Mittel um seine Person nach aussen zu bringen. Deshalb ist die Wahl und Nutzung besonders wichtig.

  • Elizabeth Wagner

    Ich wurde geboren mit Schweizerdeutsch, bin damit aufgewachsen, habe nie etwas anderes daheim gesprochen, nie eine andere Sprache als „meine“ Sprache bezeichnen müssen….dürfen…..können. Für etwas „keine Sprache“ zu haben bezeichnet aber nicht nur die Worte die man mit einem Alphabet bildet und etwas beschreibt, man meint nicht nur den „Stuhl“ oder den „Tisch“. Eine Sprache muss nicht an Wörter gekoppelt sein. Sprechen kann man mit dem Herzen, der Seele (falls es die überhaupt gibt, dass ist ja immer so eine Sache, die Einen bezeichnen es als Esoterik, die Anderen schwören darauf). Man kann sprechen mit den Körperbewegungen, mit Gesten und Gesichtern, mit fast allem kann man eigentlich sprechen. Man kann „keine Sprache“ besitzen für etwas, auch wenn man gerade die Muttersprache spricht. Manche Dinge kann man nur in anderen Sprachen ausdrücken, Liebe in Worten bleibt immer nur Liebe in Worten, sie wird nicht zu Liebe selbst. Ich weiss das ist ein grosses Klischee aber ebenso ist die Herkunft eines, auf jeden Fall meistens. Ich glaube Stanišić geht es gar nicht so sehr um die Sprache selbst, sondern das Gefühl der Entwurzelung, die Sprache ist die extremste Begleiterscheinung dieser. Plötzlich wird man nicht mehr verstanden, auch nicht ernst genommen, weil man kann sich ja nicht ausdrücken. Ich glaube seine letzen Wurzeln sind seine Grossmutter, mit der er eine Sprache hat, mit der „keine Sprache“ nicht existiert, sie ist das letze Bindeglied zu seinen Wurzeln, aber was passiert wenn sie stirbt? Das ist doch die grosse Frage, nicht? Und was passieren mit seinen Wurzeln die in Deutschland begonnen haben zu spriessen?

  • Estelle

    Es gibt viele Interpretationsansätze, welche man an der Behauptung „keine Sprache zu haben“ knüpfen könnte. Stanisic übermittelt uns Lesern deutlich, dass er noch lange nach seiner Ankunft in Deutschland seine Auseinandersetzungen mit der deutschen Sprache erlebte. In Herkunft 138, erzählt er was für ein Privileg es für ihn sei literarisch schreiben zu können, da er noch weiss wie es sich anfühlt „keine Sprache zu haben“.
    Persönlich denke ich zu wissen, wie sich seine Behauptung anfühlt. „Man weiss genau was man sagen will, nur nicht wie.“
    Genau genommen könnte sogar einem Muttersprachler in der beherrschten Sprache die Wörter fehlen, um beispielsweise eine gewisse Sensation auszudrücken. Dennoch ist dieses Beispiel meiner Meinung nach lange nicht so frustrierend wie sich allein wegen der Sprache nicht ausdrücken zu können, seinen wahren Charakter vor anderen Menschen der fremden Sprache nicht entfalten kann.
    Das beschriebene „Gefühl“ war mir jahrelang vertraut, bis sich meine Deutschkenntnisse nicht mehr so wesentlich derjenigen meiner Klassenkameraden unterschied. Es tritt jedoch gelegentlich wieder auf, wenn ich daran denke wie viel einfacher ich es in der Schule hätte, wenn in dieser französisch gesprochen werde, da ich mich noch lange in meiner Muttersprache viel besser ausdrücken werde wie im Deutsch.

  • Anastasia

    Ich kenne das Gefühl, keine Sprache zu haben. Ich musste auch Deutsch lernen und es war sehr schwierig für mich. In der Schule musste ich Deutsch sprechen und da ich Schwierigkeiten damit hatte, war ich immer ruhig und schüchtern. Die Situation vom Erzähler ist anders und komplizierter, denn ich bin hier geboren aber er nicht in Deutschland. Ich habe heute noch das Gefühl, manchmal keine Sprache zu haben, da ich oft Schwierigkeiten habe, das zu sagen, was ich denke. Stanišić hat jetzt das Problem nicht mehr, da er selber sagt, er würde immer alles auf Deutsch sagen. Ein Kapitel, das mich sehr getroffen hat, ist Gebundene Hände. Das ist auch eine Situation, in welcher der Vater keine Sprache hat und ich kenne diese Situation, da ich das selber mit meinen Eltern erlebt habe. Ich kann sagen, dass es ein unschönes Gefühl ist, wenn man nicht, das sagen kann, was man will, denn Kommunikation ist in einer Gesellschaft das Wichtigste.

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