Allgemein

Die Rhizom-Struktur

Also steigen wir einfach irgendwo ein, kein Eingang ist besser als ein anderer, keiner hat Vorrang, jeder ist uns recht, auch wenn er eine Sackgasse, ein enger Schlauch, ein Flaschenhals ist. Wir müssen nur darauf achten, wohin er uns führt, über welche Verzweigungen und durch welche Gänge wir von einem Punkt zum nächsten gelangen.

Deleuze/Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur, 1976.

Ein Rhizom ist in der Botanik ein Wurzelgeflecht. Der Begriff wird nach Deleuze und Guattari aber auch philosophisch verwendet: Er beschreibt eine Struktur, die nicht hierarchisch geordnet ist. Ein Rhizom wäre also ein Gegenbegriff zu einer Baumstruktur, die klare Abhängigkeiten eines kleineren Astes von einem größeren anzeigt.

Die einfachen Fragen, die sich daraus ableiten lässt, lautet: Ist »Herkunft« ein Rhizom? Woran können wir das erkennen? Was hat das für Konsequenzen?

Die schwierigeren Fragen betreffen den Begriff der »kleinen Literatur«. Deleuze und Guattari sprechen auf Französisch von »littérature mineure«. Damit beziehen sie sich auf Minderheiten und auf sprachliche Prozesse: Kleine Literatur ist Literatur von Minderheiten in der Sprache einer Mehrheit – sehr vereinfacht gesagt. Dabei ist eine politische Absicht vorhanden. Kreuzmair (2010) erklärt sie wie folgt:

Die letztendliche Implikation des Anders-Werdens ist die Schaffung neuer Möglichkeiten der sozialen Interaktion, das heißt der Veränderung. Für die beherrschte Minderheit bedeutet das, durch die Macht der Kreativität eine aktive Kraft der Veränderung zu werden.

Elias Kreuzmair (2010): Die Mehrheit will das nicht hören. Gilles Deleuze‘ Konzept der littérature mineure. In: Helikon. A Multidisciplinary Online Journal, (1). 36-47.

Nun also die schwierige Frage: Ist »Herkunft« kleine Literatur? Inwiefern zeigt der Text eine »Macht der Kreativität«, aus der »eine aktive Kraft der Veränderung« entstehen könnte?

rhizom

Ich denke gerne nach.

4 Kommentare

  • Drache

    Für mich ist «Herkunft» ziemlich sicher kleine Literatur. Saša Stanišić ist dabei in einer sprachlichen Minderheit und verweist auf die deutsche Sprache, das Fussball, die Deutschen und vor allem auf das Aufwachsen als Ausländer. Dabei ist er extrem kreativ und wickelt diese Themen in einem Lebenslauf, der zur Einbürgerung dient.
    Mit Witze und Spass weist er auf den Krieg und das Leben in Bosnien hin und erzählt gleichzeitig seine Autobiografie mit seiner dementen Grossmutter.
    Am Ende des Buches gibt es sogar eine «Lies weiter auf Seite 67.»-Geschichte, was eine hohe Kreativität braucht und definitiv beweist, dass auch Ausländer gute Bücher schreiben können. Nicht nur wegen dem denke ich, dass er eine Art Veränderung in die moderne Literatur gebracht hat, sondern auch, weil er seine Biografie unkompliziert und nicht chronologisch erzählt. Egal wo man sein Buch aufschlägt, kommt man in die Geschichte problemlos rein und hat Spass. Aus diesem Grund denke ich, Saša Stanišić hat mit Kreativität eine «aktive Kraft zur Veränderung» kreiert.

    G. Garatti

    • Estelle

      Meiner Meinung nach ist Herkunft nicht kleine Literatur, sondern Literatur für Menschen die vor dem Lesen dem Buch offen gegenüberstehen und ohne Erwartungen das Buch aufschlagen. Es ist nämlich nicht „durcheinander“ wie ein Leser der eine klare Gliederung eines Buches als Ideal hervorzieht denken könnte, sondern hat seine eigene Struktur. Der Fakt, dass ein Leser ziemlich irgendwo im Buch einsteigen könnte und unmittelbar den roten Faden finden würde, beweist die Genialität der Schreibweise. Es ist keine kleine Literatur aus dem Grund, dass wirklich jeder Mensch das Buch verstehen könnte, solange er sich nicht zu viele Fragen stellt. Der Haken den man eben finden könnte sind die sehr vielen Details welche meiner Meinung nach aber dem Buch diese Menschlichkeit und Subjektivität übermitteln im Gegensatz zu reine Faktenaufzählung. Wahrscheinlich adressiert sich das Buch mehr an der jüngeren bis mittleren Generation, junges Erwachsenalter und erleidet somit eine gewisse Unterteilung welche auf kleine Literatur hinweisen könnte. Dem Autor seine Schreibweise ist originell und drückt eine bemerkenswerte Kreativität aus, welche aber noch nicht so bekannt ist. Am kreativsten finde ich den „Drachenhort“ am Schluss. Dass man eine Struktur um viele Ereignisse bilden kann welche nicht unbedingt kohärent sind und wovon sehr viele als irrelevant bezeichnet werden könnten ist meiner Meinung nach wahres Schreibtalent. Die vielen Details ermöglichen nämlich der Geschichte in diesem Fall wirklich lustig zu sein. Die „aktive Kraft zur Veränderung“ kommt dann ins Spiel wenn so Bücher mit ihrer originellen Schreibweise vom Publikum Anerkennung erhalten. Nach der Veröffentlichung könnte es nach einer guten Annahme des Buches andere Autore dazu ermutigen ihre Geschichten auf ihre Art und Weise zu schreiben. Es geht nicht darum, dass die Geschichte weltbewegend sein sollte, sondern sollte für einen gewissen Spass, Spannung sorgen, gewisse Emotionen hervorrufen.

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